"Schätze aus Pfarrbibliotheken"

Auf dieser Seite werden in loser Abfolge besondere Bücher aus den württembergischen Pfarrbibliotheken vorgestellt.

 

 

Württembergische Pfarrbibliotheken

Eine Aufgabe / Dienstleistung der Landeskirchlichen Zentralbibliothek ist die Verzeichnung der württembergischen Pfarrbibliotheken. Nachgewiesen werden sie in unserem Zentralkatalog. Auf dieser Seite stellen wir besondere Schätze vor. Den Anfang machen die Pfarrbibliotheken aus Esslingen und Nürtingen, deren Bestände sich in Esslingen / Nürtingen befinden.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats November 2020 - Aus der Turmbibliothek Nürtingen

Das fürstliche Vermächtnis in der Stadtkirche St. Laurentius: Kelch, Patene, Hostienbüchslein und Kirchenordnung. Foto: Arnulf Klein

Auf dem Nürtinger Altartuch von 1582 sind die Wappen der Eltern der Pfalzgräfin Susanna: Ottheinrich II von Sulzbach und Dorothea Maria von Württemberg. Foto: Arnulf Klein

Das Vermächtnis einer Fürstin … mit einer Kleinen württembergischen Kirchenordnung

 

[Ludwig, Herzog von Württemberg]: Kirchenordnung. Wie es mit der Lehre und Ceremonien im Fürstenthumb Würtemberg angericht und gehalten werden soll. -  Tübingen: Georg Gruppenbach 1602. - [5] Bl., 195 S., [2] Bl. - 10,5 x 9,5 x 1,5 cm
NTB 8°185

 

Am 11. Februar 1661 verstarb im Nürtinger Schloss die Pfalzgräfin Susanna von Veldenz-Lützelstein, geborene von Pfalz-Sulzbach (in der Oberpfalz). Sie vermachte der benachbarten Stadtkirche St. Laurentius einen Abendmahlskelch, ein Hostienbüchslein (aus dem Besitz ihrer Mutter), eine Patene (flache Oblatenschale) und eine sogenannte „Kleine“ württembergische Kirchenordnung.
      
Mit dem Datum vom 26.3.1663 bestätigte das der Stadtpfarrer Jakob Rothweiler. Dieser schrieb allerdings den Namen seines Vorgängers Wendelin Bilfinger (1591-1661) hinzu, obwohl jener 1663 nicht mehr lebte. Rothweiler kam freilich nicht umhin Bilfinger mit seinem Titel zu erwähnen, da er lange Zeit der treue Seelsorger sowie Berater der Fürstin (wie zuvor ihrer Schwägerin Ursula) gewesen war. Bei dem Namen Bilfinger muss daran erinnert werden, dass dieser Wendelin Bilfinger nicht nur Chronist der Nürtinger Zeitgeschichte war, sondern auch der Ahnherr des Nürtinger Zweigs der Bilfinger-Familie wurde. In einer langen Reihe von Pfarrern und mehreren Nürtinger Stadtschreibern finden sich der vielseitig interessierte Theologe, Philosoph und Staatsmann Georg Bernhard Bilfinger (1693-1750) und dann im 19. Jh.  bedeutende Brückeningenieure und Bauunternehmer. Sie haben den Namen weithin bekannt gemacht.


Das Vermächtnis der Pfalzgräfin erinnert an die Zeiten, als das Nürtinger Schloss als Sitz hochfürstlicher v.a. der Herzogin-Witwen diente: so wohnte hier nach dem Tod Herzog Ludwigs (1593) die Herzogin Ursula zusammen mit ihrer Schwester Johanna Elisabeth.  Beider jüngster Bruder Georg Johann II von Lützelstein heiratete 1613 Susanna von Sulzbach (1591-1661). Diese war über ihre Mutter Dorothea Maria eine Enkelin Herzog Christophs und somit in die württembergische Heiratspolitik eingebunden, welche die Verbindung zu protestantischen Fürstenhäusern (allein dreimal mit dem von Pfalz-Veldenz-Lützelstein/ im Nordelsass) zu festigen suchte. Susannas Ehe ging allerdings in die Brüche, was zur Folge hatte, dass sie um eine Versorgung kämpfen und immer wieder einen anderen Wohnsitz finden musste. Der Kaiser als eine Art oberster Eherichter sprach ihr 1635, in einer Zeit als Württemberg im Chaos des Dreißigjährigen Kriegs versunken war, ein Wohnrecht im Nürtinger Schloss zu. Und unter kaiserlichem Schutz konnte sie im Januar 1636 die Überführung ihrer verstorbenen Schwägerin Ursula nach Tübingen und deren Bestattung in der Stiftskirche durchführen. Ähnliches veranlasste für Susanna selbst 1661 Herzog Eberhard III, obwohl er vorübergehend ihr Wohnrecht nicht anerkannt hatte. Da sie oft unter finanziellen Schwierigkeiten gelitten hatte, erstaunt ihr wertvolles Vermächtnis umso mehr.


Die Beifügung einer „Kleinen Kirchenordnung“ unterstreicht, dass es sich zudem um ein geistliches Vermächtnis handelt. Sie enthält außer dem Katechismus Grundsätzliches zur Lehre und Predigt samt den Regelungen, die den Ablauf der Gottesdienste und der Kasualien betreffen, was man gewöhnlich „Agende“ oder modern „Gottesdienstbuch“ nennt. Bei der Einführung der Reformation war eine solche Grundlage unmittelbar erforderlich; und so erschienen schon 1521 eine in Wittenberg, relativ spät (1535) die erste für Württemberg unter Herzog Ulrich, die dann unter seinen Nachfolgern Christoph und Ludwig immer wieder bearbeitet wurde. (Interessant ist dabei auch die Weiterentwicklung der Orthographie). Nach und nach wurden neue Ordnungen für andere Bereiche des kirchlichen und öffentlichen Lebens z.B. für den Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsbereich erarbeitet. Für Württemberg wurden sie, inklusive der oben genannten „Kleinen“ Kirchenordnung, in der „Großen“ Kirchenordnung von 1559 zusammengefasst, die für andere protestantische Länder Vorbildcharakter hatte.                                                           A.B.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats Oktober 2020 - Aus der Kirchenbibliothek Esslingen

Andreas Alciatus [Andrea Alciato]: Libellus de ponderibus et mensuris. – Hagenau: Johannes Secerius 1530. - 48 Seiten und 2 ausklappbare Tafeln. - In einem Konvolut von Drucken der Jahre 1525-1532. - 16,5 x 11,5 x 5cm, EK 457

Tafel zu verschiedenen Bestimmungen des Pfunds und seinen Unterteilungen

Durch das Studium der alten Quellen zum Wissen für die Neue Zeit

 

Andreas Alciatus [Andrea Alciato]: Libellus de ponderibus et mensuris. – Hagenau: Johannes Secerius 1530. - 48 Seiten und 2 ausklappbare Tafeln. - In einem Konvolut von Drucken der Jahre 1525-1532. - 16,5 x 11,5 x 5cm
EK 457

 

Der zeitgenössische Band (aus Privatbesitz) vereint acht Titel : sie geben einen Eindruck von der Internationalität und Vielfalt der Themen des Humanismus – das zeigt sich auch durch die auseinander liegenden Druckwerkstätten, in denen die einzelnen Schriften dieses Sammelbandes gedruckt worden sind : zwei Schriften bei Christopher Froschouer in Zürich, drei bei Johannes Secerius [Setzer] in Hagenau, jeweils eine bei Joseph Klug  in Wittenberg, bei Johannes Gymnicus in Köln und bei Ulrich Morhart inTübingen.
 
Als Autoren finden sich neben den allbekannten Namen Zwingli, Erasmus, Melanchthon auch der Verbindungsmann zwischen der deutschen und englischen Reformation: Antonius Anglus [Robert Barnes], der Züricher Professor für Altes Testament und Orientalist: Theodor Bibliander, der Arzt und Gräzist hier mit einer Verteidigung der humanistischen Studien:  Johannes Sinapius, der sonst unbekannte Dichter eines Loblieds auf die nachtaktive (= studienbeflissene) Eule: Johannes Aglycion und eben Andreas Alciatus.

 

Andreas Alciatus (1492-1550) war nach juristischen und philologischen Studien an ober-italienischen Universitäten wieder an diesen als Professor der Rechte tätig, zwischenzeitlich aber auch in Avignon sowie Bourges und als Anwalt in Mailand.

Er ist der Nachwelt vor allem durch sein „Liber emblematum“ (1530) bekannt geblieben. Dabei handelt es sich um eine bebilderte Sammlung von Lebensweisheiten oder Sinnsprüchen in Gedichtform, die für eine ganze Buchtradition stilbildend wurde. Etwa gleichzeitig veröffentlichte Johann Setzer die Abhandlung des Alciatus über Maßeinheiten (darunter auch Münzgewichte) mit Auszügen aus Schriften von Budaeus [Guillaume Budé] und Melanchthon. Außerdem sind zwei Reden zum Lob des Zivilrechts (von Alciatus und Melanchthon) beigefügt. Zwei ausklappbare Tafeln veranschaulichen Flächen- und Längenmaße und verschiedene Bestimmungen des Pfundes und seiner Unterteilungen.

 

Die Humanisten waren oft in mehreren Wissenschaftsgebieten zuhause und dabei be-
geisterte Philologen und Gräzisten. Leute wie Melanchthon hatten das gesamte Bildungs-wesen im Blick. Alciatus – übrigens in Bourges einmal der juristische Lehrer des späteren Reformators Calvin - gehörte wie Budé zu den Gelehrten, die im Sinne des „Mos gallicus“
(= der französischen Art) der Rechtswissenschaft auf einer kritischen Überprüfung der tradierten Texte bestanden. Da lag es nicht ferne auch dem mittelalterlichen Wirrwarr
von Gewichts- und Maßeinheiten zu Leibe zu rücken.

 

A propos: Alciatus muss in Ferrara am Hof von Ercole d’Este und seiner Frau Renée de   
France mit Johannes Sinapius (s.o.) zusammengekommen sein, bevor die Gegenrefor-
mation dort 1546  kritische humanistische und reformatorische Entwicklungen
zum Erliegen brachte.               A.B.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats September – Aus der Turmbibliothek Nürtingen

Haly [filius] Abbas, Pantegni / Practica: Liber VIII cap.15-32. Fragment einer Handschrift des 13./14. Jh., aus Frankreich oder Italien. – 38 x 26 cm. NTB 8° 62b (Schutzumschlag) (Erstdruck in: Ysaak [ben Salomon], Opera omnia, Lyon (B.Trot)1515, fol.CXVI r°-CXVII v°)

Nachhaltigkeit: Als Buch ausgeschieden – als historischer Zeuge bedeutend

 

Haly [filius] Abbas, Pantegni / Practica: Liber VIII cap.15-32. Fragment einer Handschrift des 13./14. Jh., aus Frankreich oder Italien. – 38 x 26 cm.
NTB 8° 62b (Schutzumschlag)
(Erstdruck in: Ysaak [ben Salomon], Opera omnia, Lyon (B.Trot)1515, fol.CXVI r°-CXVII v°)

 

Als in der zweiten Hälfte des 15. Jh. die Buchdruckerkunst das Buchwesen revolutionierte, fielen
diesem Kulturumschwung viele Handschriften zum Opfer und zwar nicht nur aus dem Leim geratene. Von manchen Büchern ist oft nur wenig, in Form von Makulatur (=wiederverwendetem Material) erhalten: vor allem der haltbare und doch elastische Werkstoff Pergament war für die Buchbinder interessant. Doch in der Zeit der Renaissance haftete den handgeschriebenen Seiten das Altmodische an; so wurden sie zunächst kaum sichtbar, nämlich im Innern der Bände verarbeitet. Erst ca. 100 Jahre später fanden mit Noten und Verzierungen geschmückte Seiten wieder mehr Gefallen und deshalb auch auf den Außenseiten von Bucheinbänden Verwendung.

 

Solche Fragmente („Bruchstücke“) haben in den alten Kirchenbibliotheken oft einen (durch die breite Textüberlieferung bekannten) theologischen und vor allem liturgischen Inhalt. Aus anderen Wissensgebieten sind Textzeugen selten; ein absoluter Glücksfall ist dieses lose (als Buchumschlag zugeschnittene) Pergament-Doppelblatt. Es bietet einen fortlaufenden Text zur Frauenheilkunde aus einem bedeutenden medizinischen Handbuch des Mittelalters, der Pantegni des Haly [filius] Abbas.

 

Im 10. Jh. einer ersten Blütezeit der arabischen Medizin, setze man sich kritisch mit dem griechischen Erbe auseinander. Zu den Koryphäen gehörte neben dem jüdischen Gelehrten Isaak ben Salomon Israeli (lat. Isaac Iudaeus) der persische Arzt Ali ibn al-Ab-bas al-Madschusi (lat. Haly Abbas). Sein Hauptwerk trägt den Titel „Kitab kamil …“ oder „Pantegni“ - nach dem griechischen pan+techne „vollständige [Heil-] Kunst“. Die Pantegni besteht aus zwei Teilen, „Theorica“ und „Practica“, mit je 10 Büchern. Der Mönch Constantinus Africanus (= der [Nord-] Afrikaner) hat sie gegen Ende des 11. Jh. vermutlich als Erster nach Europa gebracht und im Kloster Monte Cassino aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt. Sie wurde zu einem maßgeblichen Lehrbuch der ersten europäischen Medizinerschule in Salerno. Doch konnte Constantinus die Übersetzung des zweiten Teils wegen eines Schadens der Vorlage nicht abschließen; deshalb sind viele v.a. frühe Pantegni-Handschriften unvollständig. Die 10 Bücher der Practica  gibt es komplett erst in Handschriften des 13. Jh.; zu ihnen gehört unser Textzeuge und das macht seine Bedeutung aus.

 

Von dem Erstdruck (Lyon 1515) unterscheidet sich diese Handschrift (4 Seiten mit je zwei Kolumnen à 46 Zeilen) durch viel mehr und weitgehendere Abkürzungen, abweichende Formulierung von Rubriken (Kapitelüberschriften), aber weniger inhaltlich. In der Gestaltung, Schrift und Ausschmückung (Fleuronné-Rankenwerk) hat sie eine gewisse Ähnlichkeit mit der etwas aufwendigeren 52zeiligen Pantegni/Theorica-Handschrift der British Library (Ms. Harley 4982), die vermutlich aus Frankreich stammt.

 

Wie kam das Fragment in die Turmbibliothek Nürtingen? Hier gibt es außer diesem Pantegni-Fragment an NTB 8°62b noch ein zweites, kleineres (aus Liber IX, cap.55-61), das auf den Einband von NTB 8°139 geklebt ist. In eben diesen Bänden sind vom Buchbinder viele Seiten leer beigebunden worden. Auf ihnen hat Paulus Banz, Nürtinger Lateinschulpräzeptor von 1683 bis 1701, ein ganzes Buch bzw. den großen fehlenden Teil eines Buches selbst abgeschrieben; vermutlich war er es, der die Bände extra dafür hatte binden lassen: er war ein Liebhaber und Sammler von handgeschriebenen Büchern und sicher der Besitzer dieser beiden Bände. Die medizinischen Pergamentfragmente könnte er von seinem Vaters Johannes Banz, einem Stuttgarter Chirurgen, bekommen haben. Als Paulus Banz 1701 starb, fiel sein Buchbesitz zum Ausgleich für Schulden an die Spitalverwaltung Nürtingen und damit an die spätere Turmbibliothek.    A.B.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats August 2020 - Aus der Kirchenbibliothek Esslingen

Janus, Johannes: Hell-leuchtender Schrift- und Sternhimmel, das ist biblische Concordantzien. – Rostock und Frankfurt Main: Joachim Wild 1650. - 38x25,5x8 cm EK 285

Der schmale und der breite Weg. – Stuttgart: Evangelische Gesellschaft 1873-1884. – Einzelblatt LKA Museale Sammlung Nr. 03.006

Nachhaltigkeit :  Dasselbe Bildmotiv –  zeitbedingte Schreck- und Feindbilder

 

Janus, Johannes: Hell-leuchtender Schrift- und Sternhimmel, das ist biblische Concordantzien. – Rostock und Frankfurt Main: Joachim Wild 1650. - 38x25,5x8 cm

EK 285

 

Der schmale und der breite Weg. – Stuttgart: Evangelische Gesellschaft 1873-1884. – Einzelblatt LKA Museale Sammlung Nr. 03.006

 

Früher gehörte die Darstellung vom breiten und vom schmalen Weg (nach Matth.7,13-14) zur „Grundausstattung“ v.a. schwäbisch-pietistischer Schulräume und man findet sie nach weltweiter Verbreitung so heute noch z.B. in afrikanischen und südamerikanischen.

 

Die Unternehmersgattin Charlotte Reihlen hat im 19. Jahrhundert viele diakonische, pädagogische und volksmissionarische Unternehmungen angestoßen u.a. die Stuttgarter Diakonissenanstalt. Nach Erkenntnissen des ehemaligen Diakonissenhauspfarrers Dr. Friedrich Gustav Lang kannte sie das Zwei-Wege-Bild von Vorlagen aus den 1840er Jahren; ihr gefielen aber diese „älteren geschmacklosen Bilder“ nicht. So ließ sie 1867 den Lithographen Conrad Schacher ein Bild anfertigen, das wegen seiner bildhaften Darstellung der Sünden-laster und des drohenden Untergangs populär geworden, aber auch umstritten ist.

 

Die damalige Zeit wird nicht nur an den Bauten und der Kleidung der abgebildeten Personen deutlich: der Krieg und die damals neue Eisenbahn verkörpern endzeitliche Schrecken.

 

Fast unbekannt scheint dagegen eine Darstellung des Zwei-Wege-Motivs aus dem 17. Jahrhundert. Es findet sich als eines von zwei Frontispizen einer sehr aufwendigen zweiteiligen Bibelkonkordanz. Diese hat Johannes Janus, Pfarrer von Schneeberg, zusammen mit anderen Theologen erarbeitet und mit Unterstützung der Leipziger Universität herausgegeben. In Vorworten widmet er sein Werk - mit Formulierungen, die in jener Zeit für Fürstenlob üblich waren -Gott dem Vater und dem Sohn.

 

Das Zwei-Wege-Bild hat mit dem Inhalt des Buchs, das sehr stark auf die Predigtvorbereitung abzielt, allenfalls indirekt zu tun. Zeitbedingt ist neben der Kleidung der abgebildeten Personen und den Architekturformen auch die Thematik :  Mahomet und der Alcoran einerseits – verbunden mit einem Seitenhieb auf die Calvinisten - und andererseits die falsche Kirche in Gestalt der Babylonischen Hure in Begleitung des Antichrists, Gog und Magog. Diese Schreck- und Feindbilder erklären sich aus den Bedrohungslagen und konfessionellen Anfeindungen der Zeit; die moralisch-sittlichen Aspekte, die am Verhalten von dargestellten Personen zu sehen sind, treten demgegenüber zurück.

 

Auf einem Platz im Vordergrund teilen sich die Wege. Nur nach einer Umkehr gelangt man durch die enge Pforte auf den steilen Weg des (ewigen) Lebens, sonst unterwärts und nach rechts - wie bei mittelalterlichen Mysterienspielen - in den Höllenrachen.

 

Der aus Hamburg gebürtige Kupferstecher Dirck Dircksen (1613-1653) wirkte längere Zeit in Kopenhagen, bevor er in seine Heimatstadt zurückkehrte.

A.B.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats Juli 2020 - Aus der Turmbibliothek Nürtingen

a. Cicero: Epistolarum ... libri XVI. - Basel: Nicolaus Bryling 1550. - 16 x 11 x 5,5 cm NTB 8° 76

b. Terentius: Comoediae. - Frankfurt Main.: Christoph Egenolphs Erben 1560. – 16 x 10 x 3 cm NTB 8° 299

Nachhaltigkeit: Über Schülergenerationen vererbte Schullektüre

 

a. Cicero: Epistolarum ... libri XVI. - Basel: Nicolaus Bryling 1550. - 16 x 11 x 5,5 cm
NTB 8° 76


b. Terentius: Comoediae. - Frankfurt Main.: Christoph Egenolphs Erben 1560. – 16 x 10 x 3 cm
NTB 8° 299

 

Cicero und Terenz gehörten bereits im 16. Jahrhundert zu den wichtigsten lateinischen Schulautoren, aber damals waren Bücher vergleichsweise teuer und so versuchten die Schüler von Schulabgängern solche günstig zu erstehen. In Altwürttemberg gab es seit der Reformation neben den Schülern der (Partikular-)Lateinschulen in den einzelnen Städten solche, die im Alter von 12 bis 14 Jahren an eine der sog. Klosterschulen (von den Herzögen Christoph und Ludwig eingerichtete evangelische Internatsschulen) wechselten, um nach ca. 3 Jahren an die Universität und ins Tübinger Stift zu kommen. Vor allem unter den Klosterschülern gab es einen regen Bücheraustausch.

 

Dabei strichen die jugendlichen Besitzer stolz die Namen der Vorbesitzer oder rissen auch manchmal das schon beschriftete Titelblatt heraus. Außerdem haben sie viele Anstreichungen, Anmerkungen und Zeichnungen  - wo irgend Platz war -  hinterlassen. Das Schönschreiben gehörte zur Ausbildung: immer wieder wurde der eigene Namenszug geübt oder schon mal -  wie gedruckt -  der Buchtitel nachgemalt. Auf den Titelblättern finden sich kaum Einträge, die sich auf den jeweiligen Buchinhalt beziehen - hier bei a. immerhin ein Zitat aus dem Werk selbst (Epist. ad fam. 2,4,1) zur Mitteilungsfunktion von Briefen.

 

Aufschlussreich sind Wahlsprüche und persönliche Erkenntnisse: z.B. „Gott sieht alles“, und zur Situation als Klosterschüler ein mahnendes Wort des Pythagoras (nach Diogenes Laertius 8,20) „Wo bin ich, was habe ich erreicht und welche Pflicht wurde nicht erfüllt?“ [vgl. b. ganz unten]. In einem anderen Buch (NTB 8°186) schreibt 1651 der Maulbronner Klosterschüler, Antonius Dattrin (1671-1701 Neckartenzlinger Pfarrer) als Symbolum positiver : Esto memor patriae, cur sis huc missus ab oris, scilicet ut redeas doctior inde domum. = „Denke daran, wozu du hierher von zu Hause gesandt bist, nämlich damit du von hier heim gelehrter einst kehrst.“ Zwar kann man keine lückenlose Reihe der Buchbesitzer erstellen, aber dank der exzellenten Personensuche über die Württembergische Kirchengeschichte online www.wkgo.de/personen/personensuche erfährt man manches über ihre Lebensschicksale:

 

In dem Cicero-Band hat sich als erster (1571) Wendelin Pontanus (Bruck[n]er) aus Unterlenningen eingetragen, „welcher von den Studien in Maulbronn in den Krieg gegangen.“ In spaßhafter Anspielung auf seinen Namen schreibt er: „Das Buch gehört Magister Wendelinus Pontius Pilatus.“ - Auf einer Seite im Innern findet sich der Schriftzug Hoegel, ziemlich sicher von Johannes H. (1576-1641), einem Vorfahren des Philosophen Hegel. Von Kärntner Abstammung war er der Erste seiner Familie, der - in Württemberg (Großbottwar) geboren - die Laufbahn als Klosterschüler (in Bebenhausen) und Stiftler (1598) nahm. - Dann folgt wohl Johannes Kies(s) (1583-1664) von Waiblingen, später Pfarrer im Nürtinger Raum. - Der letzte der Buchbesitzer ist der Hirsauer Klosterschüler Paul Bantz, später Lateinschulpräzeptor in Nürtingen (+1700). Er hatte das Buch von seinem Vater, dem Stuttgarter Chirurgen Johannes B. übernommen.

 

Lu(do)vicus Glauner aus Stuttgart hat den Namen eines Vorbesitzers des Terenzbands aus Schorndorf ausgestrichen. Er selbst war Maulbronner Klosterschüler, kam 1617 ans Stift und verstarb noch im selben Jahr. Dann könnte das Buch über den Bebenhäuser Klosterpräzeptor Wilhelm Gmelin an dessen jüngsten Sohn Lukas Gmelin (1614-1635), gekommen sein. Dieser starb (1532 Magister geworden) im Katastrophenjahr 1635 - wie sein Vater und sein Onkel, der später berühmte Wilhelm Schickard.            A.B.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats Juni 2020 - Aus der Kirchenbibliothek Esslingen

J. A. Comenius: Opera didactica omnia. – Amsterdam: Laurens de Geer 1659. - 32,0x21,8x8,2 cm. Größe der Supralibros: 7,5 x 4,2 cm EK 237

J. A. Comenius: Opera didactica omnia. – Amsterdam: Laurens de Geer 1659. - 32,0x21,8x8,2 cm. Größe der Supralibros: 7,5 x 4,2 cm EK 237

Aus(sen)geprägter Besitzerstolz: Supralibros

 

J. A. Comenius: Opera didactica omnia. – Amsterdam: Laurens de Geer 1659. - 32,0x21,8x8,2 cm.
Größe der Supralibros: 7,5 x 4,2 cm
EK 237

 

Die erste Gesamtausgabe der didaktischen Werke des Ahnvaters der modernen Pädagogik, Jan Amos Komenský (1592-1670), wurde an seinem Zufluchts- und Sterbeort Amsterdam veröffentlicht. Finanziert hat das der Unternehmer Laurens de Geer, übrigens der Sohn des Holländers Louis de Geer, der einst dem Schulreformer Comenius den Weg nach Schweden geebnet und ihn weiterhin gefördert hatte.

 

Peter Amelung, dem wir die Neuaufstellung der Esslinger Kirchenbibliothek in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verdanken, fiel auf, dass „man die Neuanschaffungen des 18. Jahrhunderts, aber auch zahlreiche ältere Drucke mit je zwei Supralibros verzierte. Das Supralibros auf dem Vorderdeckel trägt die Inschrift „Sum ex Bibliotheca Esslingensi [Ich gehöre in die Esslinger Bibliothek]“ , während auf dem Rückdeckel das Stadtwappen [mit dem Reichsadler und den Stadtfarben] und das Signet des  Esslinger Kirchenkastens angebracht sind.“ Denn „der größte Teil der Bände wurde von Esslinger Buchbindern gebunden“, die offensichtlich auch speziell dazu angewiesen waren.

 

Frisch gedruckte Bücher wurden in früheren Zeiten in der Regel ungebunden ausgeliefert, und der Buchkäufer ließ sie sich dann nach seinem Geschmack und Geldbeutel binden. Wie aufwendig das sein konnte, zeigen besonders die in Leder oder Pergament gebundenen Bände des 16. und 17. Jahrhunderts mit Prägungen und zunächst auch noch mit Schließen. Für Buchanschaffungen der Esslinger Bibliothek war der Kirchenkasten - heute würde man sagen: die örtliche Kirchenpflege - zuständig. Der Comenius-Band (s.o. schwarz geprägt) wurde 1659 allerdings von einem Privatmann, dem Tübinger Magnus Hefenthaler, der „Bibliothek der Reichsstadt Esslingen“ mit den besten Wünschen „für ihre florierende Schule, die Kirche und die Stadtgemeinde“ geschenkt.

 

Besonders imposant sind freilich die Reihen von schön verzierten Bänden im größten Format (Folio), zu denen in der Esslinger Kirchenbibliothek Ausgaben der Werke Martin Luthers (Altenburger Ausgabe der deutschen Werke, 8.Bände,1661-64 / s.o. gold geprägt) und Johannes Brenz‘ sowie
monumentale Sammelwerke der Kirchengeschichte wie die Magdeburger Centurien oder ihr katholisches Gegenstück, die Annales ecclesiastici des Kardinals und Vatikanbibliothekars Cesare Barone, gehören.

 

Allerdings bekommt man die gold- oder schwarzgeprägten Supralibros nicht zu Gesicht, solange die Bände, in einem Schutzumschlag gehüllt, im Regal stehen. Für den vollen Besitzerstolz reicht also das Vorbeigehen nicht, man muss den Band aus dem Regal und in die Hand nehmen.  A.B.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats Mai 2020 - Aus der Turmbibliothek Nürtingen

Konvolut von 27 v.a. akademischen, theologischen Drucken. - Tübingen u.a. 1567-77. 22,2 x 17,2 x 5,3 cm NTB 4°40

Als Einbandverzierung im Relief: Hauptfiguren und Kernaussagen des Neuen Testaments

 

Konvolut von 27 v.a. akademischen, theologischen Drucken. - Tübingen u.a. 1567-77. 22,2 x 17,2 x 5,3 cm
NTB 4°40

 

In der frühen Neuzeit ließ man Bücher gern mit blind geprägten Einbänden versehen, dazu wurden erhitzte Rollenstempel oder Stempelplatten ohne Farbe ins feuchte Leder gedrückt. Schöne Beispiele aus der Glanzzeit der Tübinger Universität am Ende des 16. Jahrhunderts finden sich in der Turmbibliothek Nürtingen. Ein besonderer Liebhaber solcher Einbände war der Späthumanist Martin Crusius (1526-1607): er verzeichnete nämlich neben Kauf - und Buchbindepreis auch den Namen des Buchbinders z.B. Joannes Gerstenmaier in Tübingen.

 

Das Konvolut mit dem dargestellten Einband gehörte allerdings nicht ihm, sondern seinem Gegenschwiegervater, dem in Nürtingen geborenen Pfarrer Simon Necker (ca. 1545-1596). Die neutestamentlichen Prägemotive passen gut zum theologischen Inhalt des Buches. Sonst wurden die Motive nach Verfügbarkeit ausgewählt und hatten oft nur dekorativen Charakter. Man kann das Repertoire der Bildstempel als eine immer wieder kopierte Sammlung kulturgeschichtlichen Grundwissens sehen, vergleichbar mit den Sonderpostwertzeichen von heute: Symbole der Tugenden, Künste und Wissenschaften, bedeutende Männer und Frauen, also Heilige, Helden, Dichter, die Reformatoren oder auch die Wappen der Landesfürsten.

 

In herrlichem Relief zeigt hier ein äußeres Band die Evangelisten und das innere Band Gestalten des Neuen Testaments mit wichtigen Aussagen zu ihrer Rolle: PAULUS über sich als APOStel; Jesus über Simon: TU ES PETRus (Du bist „Petrus = der Fels“), Johannes über Jesus: ECCE AGNus (Siehe, das ist Gottes Lamm) und Jesus über sich: DATA EST Mihi (Mir ist gegeben alle Gewalt).

 

Weshalb befinden sich diese Bände aus dem Besitz von Martin Crusius und Simon Necker in der Nürtinger Bibliothek? Wahrscheinlich erwarb sie der Nürtinger Lateinschulpräzeptor Joseph Schnurrer durch Vermittlung der Familie Necker, die im Nürtinger Raum ansässig war, von der Crusius‘ Tochter Theodora. Sie war mit Markus Necker, Simon Neckers Sohn, verheiratet und zog 1604 nach der Hochzeit mit ihn ins badische Königsschaffhausen am Kaiserstuhl. Nach dem Tod ihres Vaters 1607 erbte sie wohl (einen Teil von) dessen Bibliothek. Da in der Zwischenzeit Ihr Ehemann verstorben war, übernahm sie mit dem Erbe auch die Bücher aus dem ehemaligen Besitz von Simon Necker. Vermutlich gelangten so die Bücher ihres Vaters und Schwiegervaters gemeinsam nach Nürtingen, bevor Theodora Necker 1611 wieder heiratete.     A.B.

 

 

 

Das besondere Buch des Monats April 2020 - Aus der Kirchenbibliothek Esslingen

Desiderius Erasmus: Proverbiorum Chiliades. - 3. Ausgabe. - Basel (Johann Froben) 1518. - [26] Bl. 648 S. [2] Bl. 23 x 32,5 x 8 cm. EK 176

Spruchweisheit und Schule des Ausdrucks im Tausenderpack                        

 


Desiderius Erasmus: Proverbiorum Chiliades. - 3. Ausgabe. - Basel (Johann Froben) 1518. -
[26] Bl. 648 S. [2] Bl.  23 x 32,5 x 8 cm.
EK 176

 Auf dieser Titelseite thront König Salomon über allem: seine Weisheit war ja sprichwörtlich. Und um eine Sammlung von Sprichwörtern (Proverbia), Redensarten und Metaphern nebst ausführlichem Kommentar des Erasmus handelt es sich bei diesem stattlichen Band. In den Arkaden über einem ummauerten Garten (hortus conclusus) sehen wir neben Salomon die Epiker Homer und Hesiod und weitere Griechen in Zweiergruppen: die Redner Aristides und Demosthenes, die Philosophen Platon und Aristoteles, die Dramatiker Euripides und Aristophanes, die Historiker Plutarch und Lukian, die Lyriker Theokrit und Pindar; dann die Römer: die Redner Cicero und Quintilian, die Dichter Vergil und Horaz, die Sammelautoren Plinius d. Ä. und Aulus Gellius, schließlich die Historiker Livius und Sallust.
Der berühmte Basler Buchillustrator  Urs Graf d. Ä. (1485-1528), ein Künstlerkollege von Hans Holbein d. J., bietet freilich keine wirklichen Porträts, hat aber die Personen im Gespräch begriffen und sehr differenziert dargestellt, mit Attributen, die auf ihr Fach hinweisen: die Dichter mit Lorbeerzweig und unterschiedlichem Musikinstrument, die Gelehrten mit Gelehrtenhut (des 16. Jahrhunderts!), die Historiker mit Buch.

Bis weit in die Neuzeit waren Sammlungen von Sentenzen (Proverbia/Adagia/Dicta) und Gesprächsbücher (Colloquia) in lateinischer Sprache grundlegend für die Erlernung des Lateins als Unterrichtssprache und eine Art Erstlektüre. Wahrscheinlich wurde dieses Buch in der Esslinger Lateinschule benutzt.

Durch den Kommentar sind die Proverbia/Adagia- Sammlungen von Erasmus freilich mehr, nämlich eine Brücke von der antikem Lebenswelt zur zeitgenössischen: eine Art Büchmann, Geflügelte Worte der Renaissance. Eine erste schmale Ausgabe erschien 1500 in Paris und wurde erweitert vielfach nachgedruckt. Eine größere Neuausgabe (zuerst Venedig 1513) zählte am Ende über vier Tausende (chiliades) von Zitat-Artikeln. Die hier präsentierte dritte Auflage erschien 1518 bei dem Humanistendrucker Johann Froben d. Ä. (1460-1527) in Basel. In einem Vorwort in Briefform richtet sich dieser an den Leser und schließt mit dem Appell: „Kaufe, genieße und lebe wohl!“     A.B.  

 

 

 

Das besondere Buch im März 2020 - Aus der Turmbibliothek Nürtingen

Matthias Hafenreffer: Templum Ezechielis. - Tübingen (Dietrich Werlin), Frankfurt (Johannes Berner) 1613. - [15] Bl. 344 S. [8] Bl. 32,5 x 19,5 x 3,2 cm. NTB 2°51

In architektonischem Gewand die Grundzüge der christlichen Religion

 


Matthias Hafenreffer: Templum Ezechielis. - Tübingen (Dietrich Werlin),
Frankfurt (Johannes Berner) 1613. - [15] Bl. 344 S. [8] Bl. 32,5 x 19,5 x 3,2 cm.
NTB 2°51

Nach langen Kapiteln der Klage mit Droh- und Trostworten folgt im Buch des Propheten Hesekiel eine prophetische Vision der zukünftigen Gottesstadt (Kap. 40-48). Am Anfang zeigt ein himmlischer Baumeister mit Messleine und Maßstab dem Propheten Hesekiel den neuen Tempel.  

Der Dogmatiker Matthias Hafenreffer (1561-1619) steht mit seiner Auslegung in der Reihe von Theologen, die am Bild des verheißenen Tempels nicht nur eine neue Sicht auf die Architektur, sondern symbolisch auf die Kirche oder einen utopisch-idealen Entwurf eines christlichen Gemeinwesens entwickeln. In diese Tradition gehören auch J. B. Villalpando oder Johann Valentin Andreae (Christianopolis), der selbst ein Schüler Hafenreffers war. Den „Templum Ezechielis“ hat kein Geringerer als Heinrich Schickhardt (1558-1635) illustriert, der berühmte Baumeister und Planer der Idealstadt Freudenstadt.

Matthias Hafenreffer (von 1592-1619 Professor und Universitätskanzler in Tübingen) war ein strenger Dogmatiker: Aufgrund der Einigung der Württemberger mit den Mitteldeutschen auf die  Konkordienformel (1580) gibt es auch in diesem Werk scharfe Spitzen, mit denen protestantische Dissidenten und v.a. die Calvinisten ausgegrenzt werden. Ähnliches musste Johannes Kepler
- immerhin Hafenreffers früherer Schüler - erfahren, als er trotz wiederholter Anfrage von der Abendmahlsgemeinschaft ausgeschlossen blieb, eben durch Hafenreffers Entscheidung.

Das Nürtinger Exemplar hat der Autor 1618 eigenhändig dem Nürtinger Bürgermeister, Mitglied des württembergischen Landtags und Landschaftsassessor, Elias Epplin gewidmet. Dieser geriet kurz danach mit der fürstlichen Obrigkeit vor Ort, nämlich Herzogin Ursula von Württemberg, in Konflikt und musste wohl wegen der Geldstrafe seine Bibliothek verpfänden.  A.B.
 

 

 

 

Das besondere Buch im Februar 2020 - Aus der Kirchenbibliothek Esslingen

Konvolut /Sammelband EK 405 Mansfeld Spätes 16. Jahrhundert 19,5x17x6 cm

Ein Monument des Umbruchs

 

Konvolut /Sammelband  EK 405
Mansfeld
Spätes 16. Jahrhundert
19,5x17x6 cm

19  theologische Streitschriften wurden in einem Sammelband zusammengebunden. Sie befassen sich mit einem dogmatischen Problem, das in der zweiten Generation der Reformatoren zu heftigen Auseinandersetzungen führte : der Erbsünde. Unter dem Vorsitz des Mansfelder Grafen Volrath, der einst selbst an der Universität Wittenberg  studiert hatte, waren 1572-74 bekannte Theologen wie Matthias Flacius Illyricus, Cyriakus Spangenberg und viele Mansfelder und Eislebener Geistliche an diesen Religionsgesprächen beteiligt.  In diesem Band  sind Streitschriften verschiedener Autoren
und ein (fast) wörtliches Protokoll des Colloquiums enthalten. Der Dissenz wurde übrigens nicht beigelegt, sondern spitzte sich in der Folge noch zu. Das Thema blieb vorderhand  in der Diskussion ... auch  in Esslingen.

Die Esslinger Kirchenbibliothek verfügt über eine reiche Sammlung an reformatorischen Schriften, denn in der selbständigen Reichstadt suchte man den eigenen Weg zur Reformation.

Das Erbe des Mittelalters findet man auf dem Einband : hier wurden die Fragmente eines handgeschrieben Heiligenkalenders (Monate Juli/August) und einer Epiphaniasliturgie (mit alten deutschen Neumen/Noten versehen) aufgeklebt. Die Initialen A.K. und Einträge  verraten uns, wer der Vorbesitzer war :  A.Körner, vermutlich der Pfarrer Abraham Körner von Keutschen.   A.B.

 

 

 

 

 

 

Das besondere Buch im Januar 2020 - Aus der Turmbibliothek Nürtingen

Epistolar NTB 2°73 Anfang des 15.Jahrhunderts Handschrift aus dem Ulmer Raum 28x20,5x6 cm

Ein liturgisches Buch mit hohen Weltanteil


Epistolar NTB 2°73
Anfang des 15.Jahrhunderts
Handschrift aus dem Ulmer Raum
28x20,5x6 cm

So spricht der Herr : Das Volk der Heiden,
das im Finstern wandelte, sah den Schatten des Todes,
Ein Licht ist ihnen aufgegangen : denn ein Kind ist
uns geboren und ein Sohn ist uns geschenkt worden


Mit diesem liturgischen Text beginnt das älteste Buch der Nürtinger Turmbibliothek : ein
Epistolar, denn es enthält die traditionellen Lesungen aus den Apostelbriefen des Neuen
und aus den prophetischen Schriften des Alten Testaments.


Was das Nürtinger Epistolar auszeichnet, ist, dass es – zumindest im ersten Teil - mit
Randkommentar und zusätzlichen Worterklärungen zwischen den Zeilen ausgestattet wur-
de : also war es weniger für den Gottesdienst als für den theologischen Unterricht vorge-
sehen.


Eine andere Besonderheit stellen die farbigen Initialen auf den ersten Seiten dar. Anders
als die üblichen Standardinitialen, die auch in dieser Handschrift die folgenden Seiten
schmücken, stellen sie höchst originelle, bodenständige Zierelemente dar, die für das
Mittelalter, in dem man gewöhnlich mit Vorlagen arbeitete, außergewöhnlich sind.


Auf den Innenseiten des Einbandes und auf dem letzten Blatt finden sich spätere
handschriftliche Einträge : ein Lob der Ehelosigkeit, eine Notiz über einen Kredit, ein
sehr negatives Lach mich an und gib mich hin, dies ist der Welt Sinn .. und endlich der

Name eines Vorbesitzers : Johannes Gilg aus Anselbingen (= Asselfingen ?). A.B.